"Ein Ort, an dem sich Ritualzuschauer und Fernsehkritiker auf einen kurzen Absacker treffen können"

news.de (07.03.2011)

Christoph Daum und der Fußball-Mord

Ulla Schmidt findet den "Tatort" aus Leipzig an den Haaren herbeigezogen, Katharina Saalfrank hätte die Folge aus Bremen gern feinsinniger: In der Webvideo-Serie «Das Wort zum Mord» kommentieren Prominente Deutschlands beliebteste Krimiserie.

Sonntagabend, 21:45 Uhr: Kommissar Moritz Eisner hat in Wien den Psychotherapeuten gerade des Mordes überführt. Die Kommentatoren auf Twitter sind sich nicht einig, ob er seinen Job gut gemacht hat: «Ein Klasse "Tatort" heute», findet MarkusKA, «Unteres Mittelmaß», kommentiert dagegen tuetete.

Meinungsäußerung zum "Tatort" ist deutscher Volkssport ähnlich wie Fußball, findet der Journalist Tobias Goltz: «Das ist wie bei der Bundesliga: Am Wochenende sitzt man vor dem Fernseher und fiebert mit seinen Lieblingen mit. Wie sind die Kommissare dieses Mal drauf?» Auch dem Fußballtrainer Christoph Daum und der Ex-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt geht das so: Auf dem neuen Webportal daswortzummord.de von Goltz und der XiiT Media GmbH kommentieren jede Woche prominente "Tatort"-Gucker die aktuelle Folge der beliebten Krimireihe.

"Tatort"-Ermittler beschwert sich über "Tatort"

Jeden Sonntag schalten im Schnitt 8,5 Millionen Deutsche den "Tatort" ein. Die Statistik sieht nach ergebener Treue aus - die meisten sind dem Format jedoch in inniger Hassliebe verbunden. «Das Spannende am "Tatort" ist, dass jeder eine andere Meinung hat. Der eine mag bestimmte Kommissare, der andere findet eine bestimmte Erzählweise nicht gut», sagt Goltz. So ist es auch bei daswortzummord.de: Die Prominenten haben einiges an Lena Odenthal und Co. auszusetzen. Gleich in der ersten Folge kam von unerwarteter Seite Kritik: Oliver Mommsen mimt seit zehn Jahren den Ermittler Nils Stedefreund aus Bremen. Er beschwerte sich, dass vielen "Tatort"en zuletzt Geld für gute Bilder gefehlt hätte und die Kommissare so häufig sinnlose, aber günstig zu produzierende Autofahrten gemacht hätten.

Ein Beispiel, das beweist, was im Impressum von daswortzummord.de deutlich hervorgehoben wird: Das Portal gehört nicht zur ARD und arbeitet auch nicht im Auftrag der "Tatort"-Produzenten. «Die ARD hätte vermutlich kein Interesse daran, ein solches Format mit einer journalistischen Herangehensweise inklusive der Kritik am "Tatort" zu produzieren», sagt daswortzummord.de-Chef Goltz.

Doris Heinze äußert sich erstmals zur «Drehbuch-Affäre»

Schon als Journalist hat Goltz sich lange mit dem "Tatort" beschäftigt. Er fordert seine Rezensenten nicht dazu auf, auszuteilen. Er bittet sie um ihre ehrliche Meinung. «Uns geht es nicht darum zu sagen: Der "Tatort" ist toll, der "Tatort" ist klasse. Wir wollen eine kritische Auseinandersetzung», sagt er. Manchmal gelingt das schon bei der Auswahl der Gäste: Als der inzwischen außer Dienst gesetzte Mehmet Kurtulus als Cenk Batu in Hamburg bei der Organspende-Mafia ermittelte, kommentierte bei daswortzummord.de die ehemalige Fernsehspiel-Chefin des NDR, Doris Heinze, sein Spiel. Heinze war 2009 gefeuert worden, weil sie jahrelang eigene Drehbücher und die ihres Mannes kaufte und produzierte. Nun äußerte sich Heinze erstmals ausführlich zu dem Vorfall. «Ich weiß natürlich, dass es absoluter Schwachsinn war, überhaupt so etwas zu machen. Im Nachhinein tut es mir auch wahnsinnig leid», sagte die Erfinderin von "Tatort"-Ermittlerin Charlotte Lindholm.

Diese Aussage fand auch außerhalb von daswortzummord.de Beachtung. Als Schlagzeilen-Maschine sieht Thomas Goltz sein Projekt jedoch nicht. «Natürlich freuen wir uns, wenn die Aussagen unserer Gesprächspartner in der Presse zitiert werden. Und wenn wir den Interviewpartnern schlagzeilenträchtige Dinge entlocken können, dann bilden wir das auch ab», sagt er.

Christoph Daum kommentiert Tod von schwulem Fußballer

Derartige Brisanz bietet auch die prominent besetzte Jury beim Hannover-"Tatort", der in zwei Wochen ausgestrahlt wird. Kommissarin Charlotte Lindholm ermittelt dort zum Tod eines homosexuellen Fußballprofis. Bei daswortzummord.de werden dann Ex-Landesbischöfin Margot Käßmann, Fußballtrainer Christoph Daum und Autor Frank Schätzing über denn Fall sprechen. Bei dieser Riege kaum zu glauben: Daswortzummord.de bekommt laut Goltz von vielen Prominenten Absagen - schließlich produziere man für das Internet und nicht fürs Fernsehen. «Aber dafür sind wir überrascht, wie viele doch mitmachen.»

Finanziert wird daswortzummord.de momentan noch aus Eigenmitteln der Firma XiiT Media GmbH. Derzeit sind die Macher im Gespräch mit Kooperationspartnern. So sollen die Folgen auf anderen Internetseiten eingebunden und das Projekt auf diese Weise refinanziert werden. Daneben geht es Goltz und seinem Team aktuell darum, die "Tatort"-Fans dazu zu bringen, ihr Gespräch über den Krimi bei daswortzummord.de zu führen. Gut 400 Fans hat das Portal derzeit auf Facebook, diskutiert wird dort aber noch kaum. Damit ist Goltz nicht zufrieden - auch wenn sein Projekt erst vier Wochen alt ist. «Wir wollen, dass die Leute die Aussagen der Rezensenten aufgreifen und darüber diskutieren.» (Autorin: Denise Peikert)

Link: http://www.news.de/medien/855138740/christoph-daum-und-der-fussball-mord/1/

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