"Ein Ort, an dem sich Ritualzuschauer und Fernsehkritiker auf einen kurzen Absacker treffen können"

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (27.02.2011)

Doris Heinze

Das ist natürlich höchst unspektakulär, was der Journalist Tobias Goltz mit seiner Web-TV-Serie "Das Wort zu Mord" veranstaltet: Er spricht mit Prominenten über den "Tatort". Und es ist eine hochcharmante Idee, den Schwung des populären Sonntagabendkrimis ins Netz umzuleiten und einen Ort zu schaffen, an dem sich Ritualzuschauer und Fernsehkritiker auf einen kurzen Absacker treffen können.

Drei Gäste kommen pro Folge zum "Wort", freigeschaltet werden die Clips direkt nach dem Krimi, sonntags um 21.45 Uhr. Die Gesprächspartner sind oft unerwartet, und zwar zu Recht: Wenn man Pech hat, trifft man das Personal, das um diese Zeit eigentlich die Sessel bei "Anne Will" durchsitzen sollte, und zwar mit ähnlich brisanten Thesen. Diese Woche hat es zum Beispiel Wolfgang Bosbach, der Talkshowbeauftragte der CDU, geschafft, auch an diesem Mikrofon nicht vorbeizugehen, ohne etwas hineinzufloskeln (",Tatorte` erzählen sehr viel"). Aber mit ein wenig Glück funktioniert das Format wie der deutsche Fernsehkrimi in seinen besten Momenten, nämlich als Trojanisches Pferd. Heute Abend zum Beispiel schmuggelt sich die kurzzeitig etwas berüchtigte Doris J. Heinze unter die Prominenten, die ehemalige Fernsehspielchefin des NDR. Dort darf sie nicht nur, in aller Wehmut, den noch von ihr entworfenen Kommissar Cenk Batu loben, sondern auch Abbitte für jene anderen erfundenen Charaktere leisten, die sie ihren Job gekostet haben: die Autoren der Bücher also, die Heinze selbst geschrieben hatte. "Im Nachhinein", sagt Heinze, und kann ja auch nichts dafür, dass das in diesen Tagen nicht besonders originell klingt, "im Nachhinein tut es mir auch wahnsinnig leid, aber es ist nicht zurückzunehmen. Man kann auch nicht mehr tun, als sich dafür zu entschuldigen und das auch wirklich zu meinen." Zum aktuellen "Tatort" sagt sie: "Ich habe Hochachtung vor der Arbeit, wenn man weiß, wie Filme entstehen und wie viele Irrtümer man dabei auch begehen kann", und nur das Schmunzeln, das ihr dabei aus dem Gesicht rutscht, ist ein wenig kontraproduktiv. Sonst geht es ihr gut, sie hat viel zu tun: "Ich lebe ja am Meer, ich habe einen großen Garten, die Apfelbäume müssen geschnitten werden." Das könnte man ja irgendwie noch als gerechte Strafe durchgehen lassen. Und wäre doch beruhigter, wenn es nicht wie das Skript zu einem neuen Fernsehfilm klänge. (Autor: Harald Staun)

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